Freitag, 1. August 2014

Geister, die ich rief … Ergebnis des Wettbewerbs


Der Auslobungstext bildet die Aufgabenstellung für die Wettbewerbsteilnehmer. Hier formuliert der Auslober seine Erwartungen an das Ergebnis, das von jedem Teilnehmer verlangt wird. Doch der vorliegende Siegerentwurf folgt nicht den Intensionen der Vorgabe, sondern widerspricht ihr in wichtigen Punkten.  

Ob ein derartiger Wettbewerb für die St. Hedwigs-Kathedrale geeignet war, ist im vorigen Beitrag hinterfragt worden. Nun soll betrachtet werden, wie in dem Entwurf des prämierten Siegers, der bei einem Umbau auszuführen wäre, einzelne Vorgaben der Auslobung missachtet wurden.

Wie hätte dies bei einer Jury angesehener Experten geschehen sollen?
Die Auslobung umfasst 112 DIN A4 Seiten Text mit theologischen, liturgischen und architekturhistorischen Diskursen. Es ist nachvollziehbar, dass besonders den externen Experten nicht alle Details gegenwärtig waren, zumal bei der entscheidenden Beurteilung der 15 Beiträge der zweiten Bearbeitungsphase nur einige Stunden am 30. Juni 2014 zur Verfügung standen.

Die Erwartungen an die funktionale und gestalterische Lösung werden größtenteils in Wünschen, Anregungen und konjunktivisch formulierten Varianten dargelegt, die keinesfalls die Kreativität einschränken sollen.
"Wichtiger Hinweis zu den liturgischen Konzepten. Die hier genannten Kriterien sollen Anregungen sein, die komplexen liturgischen Anliegen zu verstehen. Selbstverständlich ist das Preisgericht für andere Lösungen offen." ( s, Abs. 4.17. S 90)
Dagegen ist das generelle Anliegen aus dem Tenor der Darlegungen deutlich ablesbar.
Die bestehende Fassung (Schwippert 1963) wird wortreich abgelehnt (Listen für diverse Problempunkte, Mängel und Defizite) und stattdessen großes Interesse an der Vorkriegsfassung (Holzmeister 1932) bekundet.
"Im Raumkonzept von Holzmeister führte der breite Mittelgang durch den Zenit und gab zudem als Prozessionsweg die horizontale Richtung vor. "Clemens Holzmeister löste die Aufgabe … , so dass der Raum eine klare Ausrichtung bekam."
Auf 9 Seiten befasst sich die Auslobung mit dem Problem des Denkmalschutzes und den Möglichkeiten zu seiner Umgehung. Ein spezieller Passus des Denkmalschutzgesetzes (DschG Bln § 21) mit Ausnahmeregel für Religionsgemeinschaften wird sogar explizit zitiert.
Das angesichts des Umfangs der Kritik im Auslobungstext auszumachende Hauptziel wurde mit dem Ergebnis erreicht: 

Bei Ausführung des Siegerentwurfs würde der denkmalgeschützte Innenraum zerstört werden.


Doch was von den weiteren Anliegen des Auslobers übrig bliebe, zeigt der detaillierte Abgleich des Auslobungstextes mit dem Ergebnis des Wettbewerbs.

"1.1.  Gegenstand des Wettbewerbs … Bedingt durch diese Gegebenheiten müssen alle liturgischen Orte neu überdacht werden. Dabei sind die Anforderungen an die neue Liturgie und die gottesdienstlichen Belange Grundlagen für den Entwurf, die zwingend einzuhalten sind." (s. Abs. 1.1. S. 53, Hervorhebung durch den Autor)

Widersprüche des Siegerentwurfs zu den definitiven Forderungen der Auslobung

Neben vielen unverbindlichen Wünschen und Anregungen enthält die Auslobung einige klare Anforderungen an die Wettbewerbsbeiträge, die zwingend einzuhalten sind. Der Siegerentwurf missachtet diese Vorgaben.

1. Altar nicht im Mittelpunkt des Raumes

"In keinem Fall sollte der Altar in Mitte gestellt werden, was, wie bereits angedeutet, der Tradition des Kirchenbaus wie auch der heutigen Praxis zuwiderliefe." (s. Abs. 4.17. D  S. 87, Hervorhebung durch den Autor)  
Entgegen der Auslobung ist der Altar in den Mittelpunkt gestellt.
Siegerentwurf _Grundriss Erdgeschoss der Kathedrale 
Von den 169 Beiträgen haben mind. 165 Arbeiten diese Wettbewerbsbedingung eingehalten. Den Teilnehmern war bewusst, dass eine Missachtung zum Ausschluss führen musste.
Dieser Entwurf hält sich nicht an die Vorgabe, wird nicht aus dem Wettbewerb ausgeschlossen und gewinnt am Ende sogar noch.


2. Altarraum soll erhöht sein

"Es ist darauf zu achten, dass die Fläche der besseren Sichtbarkeit wegen erhöht ist, die Erhöhung dann aber eben ist und nicht durch zusätzliche Stufen o. ä. unterbrochen wird." (s. Abs. 4.2.  S. 79, Hervorhebung durch den Autor)
Entgegen der Auslobung ist der Altar nicht zur besseren Sichtbarkeit erhöht worden
Siegerentwurf _Ausschnitt aus dem Längsschnitt durch die Kathedrale

Der Entwurf des ersten Preisträgers achtet nicht darauf und ordnet den Altar und fast alle Sitzplätze auf einer planebenen Fußbodenfläche an. Dieser Entwurf wurde allen vorgezogen, die sich an die Vorgabe der Auslobung hielten.


3. Schaffung einer großen Anzahl von Sitzplätzen mit guter Sicht auf den Altar

"Es ist dabei wichtig, eine denkbar große Anzahl von Sitzplätzen (ggf. auch Stehplätzen) mit guter Sicht auf den Altar, dem Ambo und die Kathedra zu schaffen. Die Kirchenbesucher sollen das Geschehen verfolgen können." (s. Abs. 2.1. S. 62, Hervorhebung durch den Autor)
"Der Altar sollte zum Blickfang werden."  (s. Abs. 4.3. S. 80)  
Beim Entwurf des Wettbewerbssiegers bestünde keine gute Sicht auf den Altar. Das resultiert zum einen auf der Verletzung des Punktes 2 (Altarerhöhung). Die Gottesdienstbesucher können in den Reihen 4 bis 7 nicht über die Köpfe der vor Ihnen Sitzenden schauen. Die Nichteinhaltung von Punkt 1 (keine mittige Altaranordnung) führt zu weiteren Sichteinschränkungen. 
"Es müssen einerseits für eine große Gottesdienst-Gemeinde so viele Sitzplätze wie möglich mit guten Sichtmöglichkeiten geschaffen werden, (s. Abs. 1.1.  S. 53, Hervorhebung durch den Autor)
Die mit 440 vom Wettbewerbssieger angegebene Zahl der geplanten Sitzplätze gilt einzig als Maximalangabe für spezielle Nutzungen inkl. Hockern. Bei der für die Kathedrale entscheidenden Nutzung für festliche Pontifikalämter mit musikalischer Gestaltung durch Chor und Orchester sind nur 364 Sitzplätze für Gottesdienstbesucher vorgesehen. Das Stuhlsegment unter der Orgel stünde nicht für Besucher zur Verfügung. Somit würde die durch einen Umbau angestrebte Erweiterung der Platzkapazität nicht erreicht.

4. Betonung des Umschreitungsgebots behindert Teilhabe der Gemeinde 

Der Altar muss freistehend und umschreitbar sein. Er ist bei der (feierlichen) Messe und bei der Vesper von allen Seiten durch Beweihräucherung zu ehren. (s. Abs. 4.17. D  S. 85, Hervorhebung durch den Autor)
Die Auslobung setzte in diesem Zusammenhang keine Prioritäten. So entging es wohl den Planern und Prüfern, dass das Gebot zur Umschreitbarkeit des Altars bei Altaraufstellung im Raummittelpunkt zu weiteren schwerwiegenden Problemen führen würde.
Der Altar sollte zum Blickfang werden. Er soll nicht beweglich und aus edlem Material sein. Er muss mit Würde umschritten werden können. (s. Abs. 4.3. S. 80, Hervorhebung durch den Autor) 
Dazu trugen eventuell auch theologische und liturgische Erörterungen bei, die die eindeutige Vorgabe "In keinem Fall sollte der Altar in Mitte gestellt werdenaufgeweicht haben könnte.
"Der Altar bildet nach katholischem Verständnis die ideelle Mitte des Kirchenraums. Andererseits ist er Schwelle zum Heiligen. (s. Abs. 4.3. S. 80 – Bezug der Kathetra zum Altar, Hervorhebung durch den Autor) 
 "(3)  „Sakramentaler Typ": Der Altar bildet die „Mitte" eines jeden katholischen Kirchenraums(s. Abs. 4.17. F  S. 89 – denkbare Raumanordnungen, Hervorhebung durch den Autor) 
Zelebranten am Altar im Mittelpunkt schränken die Sicht für Teile der Gemeinde in ihrem Rücken ein,
bei großen Pontifikalämtern wird der Altar durch mehrere Konzelebranten geradezu abgeschirmt
Siegerentwurf _Teilgrundriss Erdgeschoss der Kathedrale 
Bei mehr als einem Zelebranten ist das Geschehen am Altar für die Teile der Gemeinde nicht zu verfolgen, denen der Priester den Rücken zuwendet und gleichzeitig den Altar verdeckt. Diese Gläubigen empfinden dann auch nicht mehr, dass die hl. Messe "versus populum" gefeiert wird.
Der kreisrunde Altar ist mit einem Durchmesser von ca. 1,9 m dargestellt, was einen Umfang von etwa 6,0 m ergäbe. Damit erscheint bei Pontifikalämtern ab 6 Konzelebranten der Altar konspirativ abgeschirmt und die Gemeinde ausgeschlossen. Es ist fraglich, ob Bischöfe und Domkapitulare (9 oder mehr Zelebranten) an einem solchen Altar in der Weise zelebrieren können, wie es die bisherige Gestaltung ermöglichte.


5. Gottesdienstbesucher sollen einander nicht direkt gegenübersitzen

"Ein offenes Circumstantes, bei dem die Gottesdienstbesucher durch die Anordnung einander nicht direkt gegenübersitzen, wird bevorzugt. Hinter den Handlungen am Altar weitere Kirchenbesucher wahrzunehmen, wird häufig als ablenkend empfunden. Der Abstand muss so bemessen sein, dass dieser Effekt gering bleibt oder sogar ausgeschlossen wird." (s. Abs. 4.1. S. 79 – Der Raum für den Gottesdienst, Hervorhebung durch den Autor) 
Bei festlichen Pontifikalämtern, bei denen die Gemeinde unter der Orgel den Chorsängern und Instrumentalisten weichen muss, versammelt sich die Gemeinde in den verbleibenden vier Bestuhlungssegmenten. Zwei Segmenten im Nordosten stehen spiegelbildlich zwei ebensolche im Südwesten gegenüber. Die Gottesdienstbesucher sitzen auf den einander entsprechenden Stühlen direkt vis-a-vis gegenüber. 
Entgegen der Auslobung sitzt sich bei Festgottesdiensten die Gemeinde in je zwei Stuhlblöcken direkt gegenüber
Siegerentwurf _Teilgrundriss Erdgeschoss der Kathedrale 
Dies gilt zumindest für die Kirchenbesucher in den ersten Reihen. Die Gläubigen in den hinteren Reihen werden wegen der fehlenden Altarerhöhung weder den Altar noch die Gegenübersitzenden sehen können. Die Darstellung mit voller Bestuhlung suggeriert ein offenes Circumstantes, das aber nur für Gemeindegottesdienste ohne große musikalische Ausgestaltung bestehen mag. Bei den für eine Bischofskirche besonders kennzeichnenden musikalischen Festgottesdiensten wird die Gemeinde de facto geteilt.


6. Festliche Pontifikalämter sollen problemlos ohne Umbauten möglich sein

"Der Platzbedarf sollte so gewählt werden, dass festliche Pontifikalämter mit Chor und kleinerer bis mittlerer Orchesterbesetzung (s.u.) problemlos ohne Umbauten realisiert werden können." (s. Abs. 2.4.3.3. Platzbedarf  S. 66 – Gedanken zu den Chören , Hervorhebung durch den Autor) 
Der Entwurf des Wettbewerbssiegers stellt nur die Bestuhlungsvariante dar, die nicht die Voraussetzung für den vollständigen Hedwigschor und begleitendes Orchester bietet. 
Für festliche Pontifikalämter sind dafür Umbauten notwendig, die im Plan nur schwach lesbar mit Strichlinien angedeutet sind. Hubpodeste für den Chor, die die Fußbodenfläche unter der Orgel um zwei Stufen erhöhen, sind mechanisch auszufahren und mit den starren Chorschola-Podesten in der Orgelnische zu verbinden. Ob die Stühle inkl. der Kniebänke abzubauen und abzutransportieren sind und wo der Stauraum für die evtl. Zwischenlagerung wäre, ist nicht ausgeführt. Auch bei Verwendung der Gemeindestühle für die Musiker wären erhebliche Umräumarbeiten beim Betrieb der Hubmechanik erforderlich. Damit widerspricht der Entwurf des Wettbewerbssiegers der Forderung der Auslobung.


7. Bei besonderen liturgischen Anlässen muss die Gemeinde knien können

"Danach betet die versammelte Gemeinde kniend die Allerheiligenlitanei für die Weihekandidaten" (s. Abs. 4.5. S. 80 – Bischofsweihe, Hervorhebung durch den Autor) 
Bei der Ergebnisvorstellung wurde vom Wettbewerbssieger ausgeführt, dass zwischen den Stuhlreihen, Kniebänke eingefügt werden können. Damit entstehen verschiedenartige Plätze für unterschiedliche Teilnahme an der Liturgie. Die Auszählung am veröffentlichten Ergebnis zeigt, dass für max. 299 Gottesdienstbesucher eine Möglichkeit zum Knien auf zwischengestellten Bänken bestünde. Auf 130 Stuhlplätzen besteht diese Chance nicht. (Details s. "Knien Katholiken heute noch …" Beitrag vom 11. Juli 2014) 

8. Kritik am Ist-Zustand des Chorstandorts sollte Verbesserungen auslösen

"Akustisch ungünstige Position unter der Orgel, die Orgel „verschluckt“ viel Chorklang, da sie über das Chorpodest hinausragt. …"
"Schwieriges Zusammenspiel mit der Orgel, da der Chor unter der Orgel wenig vom Orgelklang hört, der Orgelklang strahlt über die Köpfe des Chores. (s. Abs. 2.4.1. Platzbedarf S. 65 – Gedanken zu den Chören , Hervorhebung durch den Autor)
Auch unter neu zu bauender Orgel stünde der Chor unter dem "Klang verschluckenden" Orgelbalkon
Siegerentwurf _Ausschnitt aus dem Längsschnitt durch die Kathedrale
Obwohl im Entwurf des Wettbewerbssiegers ein Abriss der bestehenden Klais-Orgel und ein kostspieliger Neubau in drei statt bisher einer Fensternische geplant wird, verbessert sich an den als "Mängel" bezeichneten Kritikpunkten nichts.


9. Bautechnische Fehler des Siegerentwurfs

Fehler gehören nicht zu den Erwartungen an einen Wettbewerbssieger. Deshalb wird der nicht funktionsfähige Abgang zur Taufkapelle beim Siegerentwurf, der mit einer lichten Kopfhöhe von ca. 1,90 m viel zu niedrig und nicht genehmigungsfähig ist, in einem anderen Beitrag detailliert betrachtet. (s.  "Treppe aus Liliput zur Taufkapelle - ein Scherz?"  Beitrag vom 27. Juli 2014)


10. Ein unverwechselbares Gebäudeinnere war gewollt

"Es ist ein markantes, unverwechselbares Gebäudeinneres gewollt, das diese vielfältigen Aufgaben wahrnehmen kann." (s. Abs. 1.1. S. 54, Hervorhebung durch den Autor)
Eine Aufstellung von Stuhlreihen in konzentrischen Kreisen bestimmt den Raum. Wie werden Besucher diesen Versammlungsort in der Erinnerung von anderen unterscheiden können (Plenar- oder Konzertsäle, Gedenkstätten etc.).


Das Ergebnis der vorgeschlagenen Innengestaltung
Siegerentwurf _Teilgrundriss Erdgeschoss der Kathedrale 

Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit und spirituellen Charakter bietet dagegen die heutige Gestalt der St. Hedwigs-Kathedrale, die eine respektvolle Sanierung verdiente, um ihre durch Schmutz und Provisorien verstellte Schönheit wieder wirkungsvoll zur Geltung bringen zu können.


Trotz der falschen Bestuhlung und Sanierungsbedarf ist die spirituelle Kraft der heutigen Gestaltung zu spüren
St. Hedwigs-Kathedrale zu Berlin – bestehende Innenansicht der denkmalgeschützten Fassung von Hans Schwippert

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